Der Langurenfürst – Jātaka 57
Übersetzung von „The Lord of Langurs: Jataka 57“ von Bhikkhu Sujato, 2024

Meine Güte, es hört nicht auf, dass ich in den Jātakas wirklich clevere Dinge finde! Ungelogen, sie sind viel interessanter und raffinierter, als ich gedacht hätte.
Jātaka 57 trägt den Titel Vānarindajātaka, die Geschichte vom „vānarā-Fürsten“.
Zuerst ein wenig Hintergrundinformation: Die vānarā sind Affen, die im indischen Mythos berühmt sind.
https://en.wikipedia.org/wiki/Vanara
Ihre Anführer wie etwa Sugrīva oder Hanuman werden als vānarendra bezeichnet, wie der vānarinda des Jātaka.
Hier können Sie die Beschreibung lesen (englisch):
https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.172811/page/n91/mode/2up?view=theater
In der indischen Kunst werden sie oft als eine Art Langur dargestellt, dessen charakteristischer Backenbart dazu führt, dass ihm menschenähnliche Züge zugesprochen werden.
Die Geschichte im Kommentar berichtet uns, dass die Frau eines Krokodils, die schwanger war, ein unwiderstehliches Verlangen (dohaḷa) bekam, das Herz des Affenkönigs zu fressen. Ihr Mann versuchte, sie zu befriedigen, indem er vorgab, ein Felsen im Fluss zu sein, doch der Affe durchschaute seine List.
Jātaka 57, übersetzt von Dr. Julius Dutoit
Das ist eine der Geschichten aus dem dohaḷa-Zyklus in den Jātakas, die vom nicht beherrschbaren Verlangen einer Frau als Antrieb für das Aufsteigen des Bewusstseins handeln; ich habe darüber in meinem Buch White Bones Red Rot Black Snakes geschrieben. Hier scheitert das Aufsteigen an der Gier und Torheit des Krokodils, weswegen es das Herz des Affen, d. h. seine Klugheit, nicht in sich aufnehmen kann.
Der clevere Teil kommt in der letzten Zeile der Strophe. Diese kann man auf zwei Arten lesen. Der Kommentar gibt eine vollkommen befriedigende Lesart an, die sich mit der Geschichte deckt. Aber diese stützt sich auf eine zweifelhafte Wortbedeutung, die selten, wenn überhaupt, anderswo im Pali zu finden ist. Wenn wir die sehr viel gebräuchlicheren Standardbedeutungen im Pali benutzen, kommen wir zu einer anderen und wesentlich vielsagenderen Bedeutung. Aber das ist nicht der clevere Teil. Der clevere Teil ist, dass die nachgeordnete Bedeutung auch in die Geschichte selbst eingebunden ist.
Die letzte Zeile lautet:
diṭṭhaṁ so ativattati
Der Kommentar erklärt diṭṭha als „Feind“ (Sanskrit dviṣṭa) und die Wendung als „besiegt den Feind“. Das ergäbe Folgendes:
Jeder, der wie du, Langurenfürst,
diese vier Eigenschaften besitzt –
Wahrheit, Grundsatz, Standhaftigkeit und Großzügigkeit –,
besiegt seinen Feind.
Das ist eine vollkommen befriedigende Bedeutung, obwohl wir vielleicht bemerken, dass die vier Eigenschaften, die zwar im Buddhismus Standard sind, in der Geschichte keine große Rolle spielen.
Es ist vielmehr die sorgfältige Beobachtung des Languren, die ihn rettet. Er sieht, dass das Krokodil vorgibt, ein Felsen zu sein, und hat das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Der scharfe Blick des Affen wird bewusst dem Krokodil gegenübergestellt, das, um den Affen bei seinem Sprung zu fangen, die Augen schließen muss, wenn es sein Maul öffnet. So wird das Krokodil von Gier beherrscht, während der Affe durch Einsicht gekennzeichnet ist: Gehirn schlägt Muskelkraft.
Kommen wir nun zu dieser Zeile zurück:
diṭṭhaṁ so ativattati
Bevor ich im Kommentar nachschaute, übersetzte ich sie, indem ich die normale Bedeutung von diṭṭha als „gesehen“ und von ativattati als „darüber hinausgehen“ benutzte.
Jeder, der wie du, Langurenfürst,
diese vier Eigenschaften besitzt –
Wahrheit, Grundsatz, Standhaftigkeit und Großzügigkeit –,
geht über das Gesehene hinaus.
Das passt als Strophe gut zusammen, denn das Üben dieser Dhamma-Eigenschaften führt zum Entrinnen vom Leiden, dem Hinausgehen über die Welt der Sinne. Es passt auch gut zur Geschichte, da der Affe über das Gesehene hinaussah und ahnte, dass der Felsen nicht war, was er zu sein schien. Er gebrauchte seine Weisheit und konnte dadurch verhindern, vom Krokodil „gesehen“ zu werden.
Ich sagte Ihnen, dass es clever ist!
Vielleicht können wir übersetzen:
Jeder, der wie du, Langurenfürst,
diese vier Eigenschaften besitzt –
Wahrheit, Grundsatz, Standhaftigkeit und Großzügigkeit –,
entrinnt dem sichtbaren Feind.
Die nächste Strophe (Ja 58) ist ähnlich und hat eine vergleichbare Hintergrundgeschichte, nur dass das dohaḷa-Motiv durch ein ödipales ersetzt wird – der ältere Affenkönig fürchtet, seine Söhne könnten ihn töten, und kastriert sie mit seinen Zähnen. Da er beim Bodhisatta wegen dessen Stärke nicht in der Lage ist, das zu tun, stellt er ihm eine unerfüllbare Aufgabe, nämlich Lotusblumen aus einem See zu holen, in dem ein grausamer Unhold lauert. Wie in der vorhergehenden Geschichte lässt der scharfe Blick des Languren diesen ahnen, d. h. über das Sehen hinausgehen, sodass er die Anwesenheit des Ungeheuers erkennt. Da holt er die Blumen, indem er über den See springt und nur die Blüten packt, ehe er ergriffen werden kann. Wieder haben wir eine schöne Metapher für Erleuchtung und Befreiung durch das Hinausgehen über das Gesehene.

