Dhammaregen-Newsletter Januar 2026
Neues rund um Dhammaregen und frühe buddhistische Texte
Der Dhammaregen-Neujahrs-Newsletter kommt heute mit einem besonderen Thema daher. Wenn ich sagen würde, es sei „schwere Kost“, wären Manche vielleicht unnötig abgeschreckt. Wenn ich sagen würde, es sei ganz einfach, würde das auch nicht so ganz stimmen. Also, um was geht es? Um das abhängige Entstehen. Oder jedenfalls ein paar Schlaglichter, die damit im Zusammenhang stehen.
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Das abhängige Entstehen ist tiefgründig und erscheint auch so
Das sagte der Buddha zum Ehrwürdigen Ānanda, als dieser meinte, das abhängige Entstehen würde ihm ganz sonnenklar erscheinen. Der Ehrwürdige Ānanda war nun nicht irgendjemand; er galt als besonders weise und gelehrt und war in den Strom eingetreten, das heißt, er hatte das abhängige Entstehen „gesehen“. Und doch konnte er seine Komplexität und seinen Tiefgang noch unterschätzen.
Wenn wir nun aber im Gedanken, es sei zu kompliziert, eine Auseinandersetzung mit dem abhängigen Entstehen vermeiden, ist das zwar verständlich, aber sicher nicht die beste Reaktion. Der Buddha hat es immerhin gelehrt, und er hat gesagt, sein Verständnis sei für das Erwachen wesentlich. Das abhängige Entstehen hat viele Aspekte, und darunter finden sich sicher welche, die uns leichter zugänglich sind als andere.
Dieser Newsletter will versuchen, ein paar solcher Aspekte ein wenig näher zu betrachten und damit vielleicht für den einen oder die andere ein kleines Fenster zu öffnen, durch das wir diesem komplexen Thema ein wenig näher kommen können.
Allgemeiner Überblick
Das abhängige Entstehen besteht aus einer Reihe von zwölf Gliedern, die ursächlich miteinander verknüpft sind. Das heißt, jedes Glied ist die Bedingung dafür, dass das nächste Glied entsteht oder sich fortsetzt. So erklärt es, wie das Umherwandern, dieser schier endlose Kreislauf von Geburt und Tod, immer weiterläuft und zu immer neuem Leiden führt.
Die Glieder werden in SN 12.1 aufgezählt, und in SN 12.2 wird jedes mit einer Definition versehen, die man am besten immer im Hinterkopf hat (oder nachschlägt), wenn irgendwo in den Suttas vom abhängigen Entstehen die Rede ist.
Da das abhängige Entstehen immer sowohl im „Fortführungs-“ als auch im „Auflösungsmodus“ gelehrt wird, zeigt es auch, dass es möglich ist, diesen ewigen Kreislauf zum Stillstand zu bringen. Bhikkhu Brahmali erklärt alle Faktoren und viele Zusammenhänge in seinen beiden Aufsätzen „Abhängiges Entstehen“ und „Abhängige Befreiung“.
Was ist der Kern des abhängigen Entstehens?
Wir finden in den Suttas verschiedene Versionen der Kette des abhängigen Entstehens, bei denen die Anzahl der Glieder variieren kann und manchmal bestimmte Glieder durch andere Faktoren ersetzt werden. In der Regel werden solche Variationen zu didaktischen Zwecken verwendet, um jeweils einen bestimmten Punkt oder Zusammenhang besonders herauszustellen.
Die Frage stellt sich nun: Was ist die Essenz des abhängigen Entstehens, sein Kern, ohne den es nicht mehr als „abhängiges Entstehen“ bezeichnet werden kann? Offensichtlich muss es nicht die zwölfgliedrige Kette sein, und Variationen erfüllen einen wichtigen didaktischen Zweck. Aber ist deshalb jede Reihe von Faktoren mit einer ursächlichen Verknüpfung, die wir in den Suttas finden, das abhängige Entstehen?
Die Antwort finden wir in einem Sutta der nummerierten Sammlung, AN 3.61:
Und was ist die edle Wahrheit vom Ursprung des Leidens?
Unwissenheit ist die Bedingung für Willensbildungsprozesse. Willensbildungsprozesse sind die Bedingung für Bewusstsein. Bewusstsein ist die Bedingung für Namen und Form. Name und Form sind die Bedingung für die sechs Sinnesfelder. Die sechs Sinnesfelder sind die Bedingung für Kontakt. Kontakt ist die Bedingung für Gefühl. Gefühl ist die Bedingung für Verlangen. Verlangen ist die Bedingung für Ergreifen. Ergreifen ist die Bedingung für fortgesetztes Dasein. Fortgesetztes Dasein ist die Bedingung für Wiedergeburt. Wiedergeburt ist die Bedingung für das Zustandekommen von Alter und Tod, von Kummer, Klage, Schmerz, Traurigkeit und Bedrängnis. So kommt diese ganze Masse des Leidens zustande.
Das nennt man die edle Wahrheit vom Ursprung des Leidens.
Die edle Wahrheit vom Ursprung des Leidens? Die lautet doch eigentlich so, wie etwa vom Buddha in seiner ersten Lehrrede erklärt:
Und das ist die edle Wahrheit vom Ursprung des Leidens: Es ist das Verlangen, das zu künftigen Leben führt. Es ist mit Genießen und Gier vermischt und vergnügt sich überall, wo es ankommt: nämlich Verlangen nach Sinnenfreuden, Verlangen danach, das Dasein fortzusetzen, und Verlangen danach, nicht da zu sein.
(SN 56.11:4.3-5)
Also: Dieses „Verlangen, das zu künftigen Leben führt“, ist die „edle Wahrheit vom Ursprung des Leidens“, d. h. die zweite der vier edlen Wahrheiten. Und diese Wahrheit wird hier mit dem abhängigen Entstehen gleichgesetzt. Mit anderen Worten: Das abhängige Entstehen ist eine andere, ausführlichere Art, über die zweite edle Wahrheit zu sprechen. Und das ist sein Kern: Es erklärt uns den „Ursprung des Leidens“, und dieser hat mit Verlangen zu tun und mit der endlosen Fortsetzung der Kette in künftigen Leben. Und auch hier gibt es natürlich den „Auflösungsmodus“, der dann der dritten edlen Wahrheit entspricht, der Wahrheit vom Aufhören des Leidens.
Die Entdeckung des abhängigen Entstehens
Es gibt mehrere Suttas, in denen der Buddha über seine Praxis vor seinem Erwachen spricht: Wir erfahren an verschiedenen Stellen, wie er unter zwei renommierten brahmanischen Lehrern studierte und meditierte, wie er extreme asketische Praktiken übte, die der Praxis der Jainas glichen, und auch, wie er in der letzten Phase seine Meditation entwickelte und verfeinerte und verschiedene Hindernisse im Geist überwand. Aber es gibt nur einen Text, der uns davon berichtet, wie der gedankliche Prozess verlief, der diese Entwicklung begleitete. Das ist das Sutta von der Stadt:
Wie wenn da ein Mensch durch einen Wald wanderte, und er sähe einen alten Weg, eine alte Route, die in der Vergangenheit von Menschen begangen worden ist. Er folgte diesem Weg und sähe eine alte Stadt, eine alte Königsstadt, die in der Vergangenheit von Menschen bewohnt worden ist. Sie wäre entzückend, vollständig mit Parks, Wäldchen, Lotusteichen und Wällen. Dann würde dieser Mensch einem König oder königlichen Oberminister melden:
‚Bitte, Herr, du sollst wissen: Als ich durch einen Wald gewandert bin, habe ich einen alten Weg gesehen, eine alte Route, die in der Vergangenheit von Menschen begangen worden ist. Ich bin dem Weg gefolgt und sah eine alte Stadt, eine alte Königsstadt, die in der Vergangenheit von Menschen bewohnt worden ist. Sie war entzückend, vollständig mit Parks, Wäldchen, Lotusteichen und Wällen. Herr, du solltest diese Stadt wieder aufbauen!‘
Und der König oder königliche Oberminister ließe diese Stadt wieder aufbauen. Und nach einiger Zeit wäre diese Stadt erfolgreich, blühend, dicht bevölkert und voller Menschen, hätte Wachstum und Zunahme erreicht.
Ebenso habe ich einen alten Weg gesehen, eine alte Route, die in der Vergangenheit von vollkommen erwachten Buddhas begangen worden ist.
Und wie hat der Buddha diese alte Route entdeckt?
‚Wenn was besteht, gibt es Alter und Tod? Was ist die Bedingung für Alter und Tod?‘
Und durch gründlichen Gebrauch des Geistes gelangte ich mit Weisheit zu dem Schluss: ‚Wenn Wiedergeburt besteht, gibt es Alter und Tod. Wiedergeburt ist die Bedingung für Alter und Tod.‘
‚Wenn was besteht, gibt es Wiedergeburt? … fortgesetztes Dasein? … Ergreifen? … Verlangen? … Gefühl? … Kontakt? … die sechs Sinnesfelder? … Namen und Form? Was ist die Bedingung für Namen und Form?‘
Und durch gründlichen Gebrauch des Geistes gelangte ich mit Weisheit zu dem Schluss: ‚Wenn Bewusstsein besteht, gibt es Namen und Form. Bewusstsein ist die Bedingung für Namen und Form.‘
Bis hierhin stimmen die Überlegungen des künftigen Buddha mit den Ansichten seiner brahmanischen Lehrer überein, wie sie in den Upaniṣaden überliefert sind: Da heißt es, die „mannigfaltigen Erscheinungen in der Welt (= Name und Form) entstehen aus Bewusstsein“ (Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 2.4.12). Bewusstsein ist nach dieser Vorstellung das Selbst, das, was den innersten Kern ausmacht und keinen weiteren Bedingungen unterliegt.
Vor diesem Hintergrund muss allein die Frage, die der Buddha als nächstes stellt, schon revolutionär erscheinen:
‚Wenn was besteht, gibt es Bewusstsein? Was ist die Bedingung für Bewusstsein?‘
Und erst recht natürlich die Antwort:
Und durch gründlichen Gebrauch des Geistes gelangte ich mit Weisheit zu dem Schluss: ‚Wenn Name und Form bestehen, gibt es Bewusstsein. Name und Form sind die Bedingung für Bewusstsein.‘
Mit anderen Worten: Der Buddha erkannte, dass es dieses reine Bewusstsein, diese „schiere Masse an Bewusstsein“, wie es von seinen Lehrern postuliert worden war, nicht gibt. Bewusstsein unterliegt, wie alles andere, Bedingungen, es ist abhängig entstanden, und wenn seine Bedingungen aufhören, muss auch das Bewusstsein aufhören.
Es wendet sich, wie es weiter in dem Sutta heißt, „zurück zu Namen und Form“; das heißt, es kann nicht ohne diese „mannigfaltigen Erscheinungen in der Welt“ bestehen, die seine Inhalte ausmachen. So etwas wie ein reines Bewusstsein, etwa wie einen leeren Bildschirm, ohne Inhalt, das gibt es nicht. Und mit dieser Erkenntnis setzt der Buddha sich von seinen Lehrern ab und geht über ihre Lehren hinaus.
So hat offenbar der Buddha das abhängige Entstehen entdeckt, den Ursprung des Leidens, nach dem er auf der Suche war; und auch den Weg zu seiner Beendigung. (Und je öfter ich diesen Text lese, umso mehr bekomme ich Gänsehaut!)
Lesen und hören Sie SN 12.65. Oder lesen Sie es auf SuttaCentral – dort finden Sie Bhikkhu Sujatos Anmerkungen zu dem Text in deutscher Übersetzung.
* * *
Der Dhammaregen-Neujahrsgruß kommt heute aus dem Suttanipāta, und der Buddha stellt darin, wie so oft, die Welt ein wenig auf den Kopf: ✨😃
Gelüste nicht nach dem Alten
und heiße Neues nicht willkommen.
Sei nicht bekümmert über das, was ausläuft,
und hafte nicht an Dingen, die dich verlocken.
Snp 4.15:10.1-4
Und damit wünscht dieser Newsletter ein Frohes Neues Jahr und zitiert (etwas abgewandelt) aus der Bibel: „Friede sei allen Menschen auf Erden!“ 🙏
🔸 Neu auf Dhammaregen
Seit dem letzten Newsletter wurden folgende Essays und weiteren Ressourcen hinzugefügt:
Bhikkhu Sujato: Über abhängiges Entstehen, Ergreifen und Entwicklungspsychologie. Zum Essay
Curriculum zum abhängigen Entstehen: Zum Studienblatt
Seit dem letzten Newsletter wurden folgende Suttas hinzugefügt:
MN 104-108
Übersicht über alle Übersetzungen
🔸 Sutta-Erkundungen
Die Sutta-Erkundungen sind ein monatliches Online-Format zum Studium der Suttas in einer Gruppe, das sich an die lectio divina aus der alten christlichen Klostertradition anlehnt. Das ermöglicht ein eher meditatives Herangehen an die Suttas. Die Sutta-Erkundungen finden jeden ersten Freitag im Monat statt.
Nächste Termine: 2. Januar, 6. Februar und 6. März 2026 jeweils 18:30 – 20:00 h MEZ.
Bei Interesse senden Sie bitte eine E-Mail an dhammaregen@gmail.com. Sie werden dann eine Einladung mit den Zoom-Zugangsdaten erhalten.
🔸 Geleitete Meditation
Für die iSangha-Gruppe des Klosters Tilorien wird von Silashin Sabbamitta am zweiten Dienstag jeden Monats eine angeleitete Meditation in deutscher Sprache angeboten. Die nächsten Termine sind der 13. Januar und der 10. Februar 2026 von 18:00 bis 19:00 Uhr MEZ. Bei Interesse senden Sie bitte eine E-Mail an dhammaregen@gmail.com, damit Sie in den Verteiler aufgenommen werden und die Zoom-Zugangsdaten erhalten können.
🔸 Newsletter-Empfang
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